Ich bin ein Dorfkind, ich war es schon immer und ich bin und war es immer aus Leidenschaft.
Die grünen Wiesen, auf denen die Kühe stehen und fressen, viele Bauernhöfe in der Gegend und dieser Geruch von frischer Gülle ist zwar wiederlich, aber unvergleichlich schön, einfach heimisch.
Wenn man zum See geht und die Vögel zwitschern hört, das Wasser rauschen und irgendwelche Paare heimlich im Knick rummachen sieht.
Abends ist das Dorf wie Tod, niemand auf den Straßen, kaum Geräusche. Es ist, als würde alles von Zombies befallen worden sein und die Menschheit wäre komplett ausgerottet und man ist der einzige Überlebende.
Hier im Dorf haben die Geschäfte nicht bis 22:00 geöffnet und schon garnicht 24 Stunden, was manchmal etwas nervig ist, zum Beispiel wenn man am Feiern ist und einem um 23:00 auffällt, dass der Alkohol, den man kaufte, irgendwie doch nicht reicht und man unbedingt mehr braucht, dann ist es wie eine Sucht, als wäre man ein Vampir, der dringend Blut braucht.
Dann stiefelt man los und bemerkt, dass der einzige Laden, der noch geöffnet hat die Dorfkneipe ist, wo man für eine Buddel Korn und Cola so circa 30€ bezahlen muss. Ätzend. Aber so ist das im Dorf.
Ich wohne in einem kleinen Dorf in Schleswig Holstein, wo die Ost - und die Nordsee nicht weit entfernt ist, also ist es nur ein kleiner Schritt bis man im schönen, norddeutschen Wasser schwimmen kann.
In einem Dorf kennt jeder jeden, was nicht immer ein Vorteil sein muss. Ich, zum Beispiel, habe mich immer pudelwohl in meinem Dorf gefühlt. Doch plötzlich kam alles auf einmal. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem man erst dann merkt, wie glücklich man vorher war, wenn man mit Scheiße sozusagen überrollt wird.

Angefangen hat es, dass eine gewisse Person (deren Namen ich hier nicht nennen will, denn wenn ich schon an diese Person denke, könnte ich meinen Bildschirm vollkotzen) damit begonnen hat, Vogelkacke über mich zu erzählen. Die andere Person erzählt einer wiederum anderen Person Hundescheiße, diese erzählt dann Kuhmist weiter und es endet mit Elefantenscheiße.

Was ich damit sagen möchte ist, dass sich eine Geschichte am Ende ganz anders anhört, als sie begonnen wurde. Wenn ich eins in den vergangenen 1 1/2 Jahren gelernt habe, dann ist es: Traue Niemandem! Auf jeden Fall gingen plötzlich so viele Gerüchte über mich rum, dass selbst ich staunte, was ich für ein Miststück sein soll. Ich wurde bombadiert mit SMS'en und Nachrichten und E-Mails und wat weiß ich nicht alles, wurde auf den ganzen Mist von 100 Leuten angesprochen, einige kannte ich nichtmal. Am Anfang fand ich die ganze Situation noch recht amüsant, denn immerhin kannte ich die Wahrheit und meine engsten Freunde auch und besonders meine Familie. Die Gerüchte bestanden darin, dass ich mit dem ganzen Dorf gefickt haben sollte, manche haben aber auch nur einen Blowjob von mir erhalten, wiederum andere sind leider nur mit Küsserei davongekommen. Hey, warum nicht? Klar, ich ficke das ganze Dorf, weil hier ja auch nicht zu 70% nur Bauerndussel rumlaufen.

Doch die Gerüchtehexe hatte noch lange nicht genug, als sie dann damit anfing mir Zettelchen in den Briefkasten zu schmeißen, auf denen die übelsten Beleidigungen draufstanden, dachte ich mir: Nun gut, langsam wird's 'n bißchen viel. Doch damit nicht genug, während sich das ganze Dorf das Maul über mich zerriss, kam schon das nächste Unwetter auf mich zu.

Einer meiner Arbeitskollegen hat sich dazu entschieden sich in mich zu verlieben. Was ja eigentlich ein Kompliment ist und total schön, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht, es wäre die klassische Liebesgeschichte. Man arbeitet zusammen, merkt aber erst später und auf Umwegen, dass man eigentlich füreinander bestimmt ist. Ja, WÄRE es, wenn dieser Typ nicht ein absoluter Vollmongo wäre. Man könnte ihn als eine Mischung aus Hobbit und Chubakka beschreiben. Mit roten Haaren und einer schwulen, hohen Stimme, als hätte man ihm die Eier abgeschnitten. Er ist der Inbegriff eines Vollidioten. Er sieht scheiße aus, man versteht ihn nicht, wenn er spricht und er stinkt. Er brüstet sich damit, dass er unmengen an Kohle von seinem toten Vater geerbt hat, der ihn damals aber geschlagen hat und blablabla, die übliche Leier. Ich bin fast 1.80m , also ist es nicht leicht heutzutage einen größeren Mann zu finden, also gibt man sich auch mit gleichgroßen Geschöpfen zufrieden, aber nicht wenn er geschätzte 1.50m groß ist und dumm wie ne Bowlingkugel. So wie er.

Er lief mir auf der Arbeit die ganze Zeit hinterher, schrieb mir Briefe, terrorisierte mich mit Anrufen, sprach wirres Zeug auf meinen AB, schrieb mir merkwürdiige SMS, die Heroglyphen ähnelten und beschenkte mich mit sinnlosem Kram, bei dem er dachte, sie gefallen mir. Wie beispielsweise eine Jacke in Größe 176 (man beachte dies ist eine KINDERGRÖSSE). Ihm würde die wohl eher passen, als mir. Noch dazu kommt, dass der Mann über 40 ist. Als er merkte, dass seine Annäherungsversuche unbeachtet blieben und er sich statt einem Kuss eher böse Blicke und böse Worte abholen durfte, tobte es anscheinend in seinem kranken Hirn und er beschloss das nächste Gerücht über mich in die Welt zu setzen, nämlich, dass ich Sex mit ihm hatte. Um mir einen Gefallen zu tun, erwähnte er nebenbei, dass ich dabei besoffen gewesen sein soll. Na, wahrscheinlich hat er selber gemerkt, dass es zu unglaubwürdig wäre, wenn er behauptet, es hätte ihn eine im nüchternen Zustand rangelassen.

Ich kam früher mit eigentlich mit allen Kollegen zurecht, bis zu diesem Zeitpunkt. Leider arbeiteten nicht mehr viele dort, die mich gut kannten und den Scheiß niemals geglaubt hätten. Mittlerweile ist viel junges und neues Fleisch dort eingetroffen, die mich nicht kennen und alles glaubten, was der Spinner von sich gab. Belohnung für meine fleißige Arbeit und Freundlichkeit war nun also komplette Ignoranz der Kollegen oder Tuscheleien, wenn man vorbeiging. Vielen Dank auch! Nur ein paar des alten Eisens, die Alteingesessenen, diese, die mich gut kannten und wussten, wie ich drauf bin, belächelten die ganze Sache nur und klopften mir auf die Schulter, als Zeichen, dass ich doch bloß drüber hinwegsehen sollte. Ich versuchte es, wirklich, ich habe es versucht! Doch es machte alles nur noch schwerer, als die oben genannte Gerüchtehexe, die Bitch, die alles ins Rollen brachte, beschloss auch bei uns zu arbeiten. Lieber Gott, willst du mich noch mehr strafen? Kannst du es nicht bitte dabei belassen? Wurde ich nicht schon zu sehr gequält? Tust du das, weil ich nie in die Kirche ging oder deine Existenz ständig anzweifle? Wie vorhergesehen wurde es alles nur noch schlimmer. Im Internet posaunte sie lauthals rum, wie sehr sie sich freue, mich endlich bald richtig fertigmachen zu können. Au ja, ein scheues Gnu gefunden, dass ich reißen kann!

Die Gerüchtehexe hatte die gute Gabe alle Menschen, die auch nur ein wenig naiv sind, auf ihre Seite zu ziehen. So schaffte sie es nach nur kurzer Zeit nicht nur auch die übrigen Mitglieder meines Gnu-Rudels zu beeinflussen, sondern auch meine Chefs. Sie hatte das geschafft, was sie wollte. Mich töten. Kopftot machen. Herztot. Seelentot.

Als auch die Chefs anfingen mich mehr zu beobachten, mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen und mich öfter zum Gespräch baten um mir zu erzählen, was ich alles für Fehler machte, wurde es mir definitiv klar: Ich muss hier weg.

In einem stillen Moment bei mir zu Hause, legte ich mich ins Bett und dachte über die momentane Situation nach. Es war ja nicht nur so, dass mich auf der Arbeit alle hassten, sondern das ganze Dorf dachte schlecht über mich. Gut, nicht alle, es gab immer ein paar Ausnahmen, meine echten Freunde. Sie waren zu der Zeit meine Krücken. Ohne sie hätte ich nicht mehr laufen können, ich hatte eine Antriebsstörung. Gerüchte können einen soweit bringen, nicht mehr rausgehen zu wollen. Man hat stets das Gefühl angeguckt zu werden, es ist fast wie eine Art Paranoia. Man mag sich nirgendwo hinsetzen, weil man immer denkt, dass du der Bank nicht würdig wärst. Es ist die Bank des Dorfes und du darfst dich dort nicht hinsetzen, weil du eine Schande für dein Dorf bist.

Ich hatte nie wahnsinnig viele Freunde, so wie andere. Während der Schulzeit hatte ich schon so einige Freunde, man konnte sie auch wirklich Freunde nennen, denn sie waren für mich da, wenn ich sie brauchte. Doch mein Problem war, dass wir keine coole Clique, Gang oder Crew waren. Nein, ich hatte aus jeder Clique, Gang oder Crew immer ein Mitglied als Freund und die passten alle nicht zusammen, also musste ich mich immer mit allen einzeln treffen. Nur zu meinem Geburtstag kamen alle zusammen, was ein ziemlich krampfiges Angagement war. Keiner sagte etwas, weil alle wussten, dass ein anderer das wieder lächerlich oder doof finden würde. Aber eine beste Freundin hatte ich und die habe ich bis heute, sie ist jemand, der wie ich, in keine Gruppierung passte, sie war immer diejenige, die mir den Rücken stärkte, jemand, der ehrlich war und auch sagte, wenn ich scheiße aussah. Keine gewöhnliche Tussi, die mir ständig mit "Süße" oder "Schnullli" oder "Herzi" kam, nein, jemand den man beleidigen konnte, ohne dass sie gleich beleidigt war. Nele. Mittlerweile hat man so gut wie zu niemandem von den damaligen Freunden mehr Kontakt. Außer mit Nele. Diese hat nun ein Kind und einen Partner, was für mich eine vollkommen komische Situation war, in der es schwierig war sich zurechtzufinden. Ich = Kinderhasser und Ich = Hasser des Partners meiner Freundin. Aber ich bin ja nicht Arschloch von und zu Bratze und versuchte mich der Situation anzupassen, was mir auch relativ gut gelungen ist. Mit dem Partner meiner Freundin rede ich nicht und wenn er einen dummen Spruch raushaut strafe ich ihn mit Teenager-rollenden-Augen oder beachte ihn einfach garnicht, ich weiß, dass ihn das 'n feuchten Dreck interessiert, aber whatever, irgendwie muss ich ja reagieren. Bei den anderen Damals-Freunden läuft es gewohnt krampfig ab, man trifft sich auf der Straße, hält eins dieser bescheuerten "Wie geht es dir - mir geht es gut - was macht die arbeit"-Gesprächen und geht weiter. Einige grüßt man auch einfach nur oder wechselt gekonnt die Straßenseite, damit dieses Gespräch einfach mal ausfällt. Am auffälligsten, aber auch effektivsten ist immer noch der >>Ich-tu-so-als-würde-ich-telefonieren-tu-es-aber-nicht<<Trick. Natürlich weiß man, dass der Gegenüber genau weiß, dass niemand am anderen Ende der Leitung ist, aber Fuck off, denn der andere will bestimmt auch nicht dieses Routine-Gespräch führen. Es ist sinnlos und absolut unnötig.

Eines Abends lag ich auf der Couch und dachte an all die schönen Orte nach, an denen ich in meinem jungen Leben schon war. Da wären Tirol, Sardinien, Mallorca, Schweden und einige Orte in Schleswig Holstein und Umgebung. Und zu guter Letzt fiel mir Hamburg ein ... oh ja, Hamburg. Welch' wunderschöne Stadt. Ich war schon oft dort und jedesmal gefiel es mir auf's Neue. Und ich erinnere mich, wie ich als kleines Kindchen meiner Mutter sagte:"Mama, wenn ich groß bin, möchte ich hier wohnen!" Wohnen in Hamburg, wohnen in einer Großstadt. Hamburg hat eigentlich all' das, was ich möchte. Es ist nicht zu weit weg von meinem eigentlich so geliebten Dorf, sprich auch nah an meiner Familie und Nele. Es ist immer noch der Norden, nichts und niemand kann mich aus dem Norden Deutschlands vertreiben, es sei denn, es beginnt ein Krieg und Bayern wäre der einzige Fluchtort, oder Aliens würden den Planeten übernehmen und die einzige Möglichkeit Schutz vor ihnen zu bekommen, wäre nach Sachsen zu ziehen. Aber da beide Varianten eher unwahrscheinlich sind, bin ich im Begriff im Norden zu bleiben. Die Leute dort sind einfach cooler, lässiger und freundlicher. Man versteht sich untereinander ohne zu sprechen, es sind die kleinen Dinge, die den Norden so besonders machen. Außerdem ist Hamburg eine Großstadt, das genaue Gegenteil von meinem kleinen, ruhigen Dorf und warum nicht auch das mal ausprobieren? Vom Dorfkind zum Großstadtmädchen, das wäre eine fabelhafte Steigerung. Hektik war schon immer Teil meines Lebens, wieso dann nicht ein Leben in der Hektik führen, das wäre doch für mich als Profi-Hektikerin garkein Problem.Es war also beschlossene Sache! Ich ziehe nach Hamburg! Tschüß mein sonst so geliebtes, kleines, süßes, schnuckeliges, ruhiges Dorf. Hallo neue, laute, hektische, große, schmutzige Stadt!

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Schon am nächsten Tag setzte ich mich an meinen Computer, nachdem ich die Hölle namens Arbeit überstanden hatte, und schrieb meine Kündigung. Es war längst an der Zeit diese Quälerei zu beenden, außerdem verdiente ich für das, was ich tat, eine feuchten Kericht. Nothing. Niente. Null.Zero. Halt einfach zu wenig. Auf der Arbeit würden sich sicherlich eh alle freuen , dass die "Schlampe" endlich weg ist. Doch Obacht Leute, die Gerüchtehexe wird sich schneller ein neues Opfer suchen, als ihr gucken könnt und dann seit ihr dran! Irgendeiner von euch! Haha, Schadenfreude lässt grüßen. Ich rauchte eine Zigarette und überlegte, womit man denn nun genau anfängt. Sucht man sich zuerst Arbeit oder zuerst eine Wohnung?

Würde ich jetzt zuerst eine neue Arbeitsstelle suchen und auch eine finden, dann aber keine Wohnung, wäre das natürlich schlecht und ich müsste in ein Obdachlosenheim ziehen. Würde ich jetzt aber als erstes eine Wohnung finden, dafür aber keine Arbeit, müsste ich Hartz IV beziehen, was ich eigentlich auch vermeiden wollte. Aber lieber Hartz IV als Obdachlosenheim, also zuerst auf Wohnungssuche machen. Meine Euphorie verflog schnell, als ich die Mietpreise entdeckte. Ich  stellte mir eine schöne 2-Zimmer Wohnung vor, 55qm² und circa 400€ warm. Ähm, was habe ich mir gedacht? Da kam wohl wieder das Dorfkind in mir durch. Natürlich war alles um Längen teurer. Das Billigste war auch wirklich das BILLIGSTE! Eine Absteige nach der Anderen. Ich schickte Anfragen an alle Vermieter, die keine Courtage bezogen und die Miete einigermaßen ok war. Ok heißt nicht gut, aber ok ist besser als beschissen überteuert. 3 Vermieter wollten mich nach kurzer Zeit auch kennenlernen. Sie baten mich Lebenslauf und Gehaltsabrechnungen mitzubringen. Gehe ich zu einem Vorstellungsgespräch oder was? Ich stieg also, bepackt mit meinen Unterlagen, mit meinem kleinen Smart nach Hamburg. Da wir Dezember hatten, wurde es früh dunkel und die Stadt leuchtete in allen Farben. Es war unbeschreiblich schön und als ich da nun langfuhr wurde ich von Laterne zu Dekoration in meinem Vorhaben immer mehr bestärkt. Doch während ich versuchte meinen kleinen Smart durch die volle Innenstadt zu manövrieren, bemerkte ich doch, dass dies eine komplett andere Welt war. Das war nicht mehr mein Dorf, es war wirklich eine Großstadt. Man hörte nur Hupen, lautes, quietschendes Bremsen, Sirenen der Polizei oder eines Krankenwagens. Die Passanten nahmen keine Rücksicht auf die fahrenden Autos. Sie gingen über die Straßen, als würden Autos überhaupt nicht existieren. Während ich übervorsichtiges Wesen lieber 10mal nach rechts und links schaue, bevor ich über eine Straße gehe, schauten die Leute einfach mal garnicht. Einfach über die Straße gehen, wie Suizidgefährdete, frei nach dem Motto: >>Und wenn ich überfahren werde, ist das halt Pech<<. Auch mein Auto musste 3 - 4 mal quietschend Bremsen, damit ich nicht irgendeinen Spacken überfuhr. Eigentlich dachte ich mir: Scheiß drauf, ich sollte einen dieser Penner überfahren, dann wissen die endlich, dass Mama denen nicht umsonst beigebracht hat nach rechts und links zu schauen. Aber darüber sollte ich mir vorerst keine Gedanken machen, noch bin ich nicht Bewohner dieser Stadt, erstmal Wohnung finden. Darauf sollte ich mich nun konzentrieren.

Endlich fand ich die Wohnung, die vielleicht bald meine sein sollte und parkte mein Auto. Ich nahm noch einen letzten Schluck meines Milchshakes, dass ich mir auf den Weg bei Mc Doof besorgte und stieg aus. Mit meinen Unterlagen unter dem Arm und einer Handtasche stand ich nun vor dem großen Gebäude. Es ähnelte einem Plattenbau. Dort wohnen sicherlich ein paar zukünftige Sido-Nachfolger, dachte ich mir. Ich schaute hoch und zählte die Fenster ab, bis ich beim 12.Stock angekommen war. Dort sah ich auch schon ein leeres Fenster, an dem ein Plakat klebte, auf dem stand:Zu vermieten! Jawohl, das war es. Meine Vielleicht-Wohnung. Ich ging zur Eingangstür, die angelehnt war. Dort hing erneut ein Schild, welches mir erzählte, dass ich in den 12. Stock GEHEN sollte und dann bei "Bushkaterykalan" klingeln solle. Ok, diesen Namen kann ich nichtmal aussprechen, aber gut. Ich machte mich also auf den Weg, 12 Stockwerke nach oben. Ohne Fahrstuhl. Ich machte gefühlte 10 Pausen, bis ich endlich oben ankam. Nun weiß ich auch endlich, warum ich stets Deo in meiner Handtasche dabei habe. Schnell sprühte ich mich noch ein, atmete tief durch und klingelte.

Eine ältere Dame mit Kopftuch öffnete mir die Tür. Das war anscheinend Frau Keine Ahnung. Sie brabbelte irgendwas unverständliches und machte eine Geste, dass ich reingehen könne. Drinnen saß eine junge Frau. Haare streng zum Zopf, eine Brille auf der Nase und sie trug einen Hosenanzug. Sie stand auf und streckte mir ihre Hand aus:"Stockmann, guten Tag!", sagte sie ohne einen Ansatz von einem Lächeln. Sie roch gut. Sehr weiblich. "Katharina Moritz!", erwiederte ich. Sie bat mich Platz zu nehmen und riss mir förmlich meine Unterlagen aus der Hand. Ich schaute mich lautlos in der Wohnung um. Sie war freundlich gestrichen und roch ein bißchen nach nassem Hund. "Wir haben viele Interessenten,wissen Sie. Hamburg wird die neue Trendstadt, alle wollen hierher!", sagte Frau Stockmann während sie meine Unterlagen durchblätterte. Ich nickte:"Ist ja auch eine schöne Stadt." Die strenge Stockmann schielte über ihre Brille zu mir und fragte:"Haben Sie denn schon einen Job, Frau Moritz?" Ich kam mir wirklich vor wie bei einem Bewerbungsgespräch. Ich fragte mich, was ich in meinem Dorf verpasst hatte. Als ich mit meinen Eltern umzog, ging man zu einer Wohnung, schaute sie sich an und machte mit dem Vermieter ab, dass dieser sich melden solle. Da war nichts mit Lebenslauf und Gehaltsbescheinigungen. "Nein",sagte ich etwas beschämt,"bin aber auf der Suche!" "Was haben Sie sich denn vorgestellt, wie Sie diese Wohnung bezahlen wollen?" Ich räusperte kurz:"Ich denke, dass ich bald einen Job finden werde, das wird sicherlich kein Problem sein!" Stockmann-Streng lachte gekünztelt:"Oh, Frau Moritz, man merkt, dass Sie vom Land kommen. Einen Job finden ist garnicht so leicht wie Sie denken! Wie ich eben bereits erwähnte, wollen viele, besonders junge Menschen, in diese Stadt ziehen, Arbeitsplätze, wie auch Wohnungen sind Mangelwahre." Sie erzählte mir noch, dass Hartz IV Empfänger für sie absolut nicht in Frage kämen und verabschiedete sich mit einem "Wir melden uns" bei mir und knallte mir die Tür vor der Nase zu. Ich hörte noch, wie sie zu ihrer Kopftuch-Freundin meinte:"Immer diese Kinder vom Land, haben keine Ahnung vom wahren Leben!" Ein bißchen wütend und auch ein bißchen beschämt wanderte ich die 12 Stockwerke wieder runter zu meinem Auto. Ich stieg ein, saß kurz ruhig da und haute dann wütend auf mein Lenkrad. Ok, ganz ruhig Katharina, alles ist gut, du hast ja noch 2 >>Vorstellungsgespräche<< vor dir, das wird schon. Es sind sicherlich nicht alle wie Stock-im-Arsch. Wahrscheinlich hatte sie sogar Recht, denn ich als Dorfkind hatte nun wirklich keinen blassen Schimmer vom Großstadtleben. Aber ich bin bereit zu lernen und Erfahrungen zu sammeln, also nichts wie los zum nächsten Termin.

Das nächste Gebäude war von außen sehr alt, aber doch modern, die Fassade war gelb und die Fenster weiß. Es sah sehr einladend aus und diesmal musste ich auch nur in den 3. Stock. Was meine Raucherlunge sehr begrüßte. Ich spuckte mein Kaugummi aus, nahm erneut meine Unterlagen und klingelte bei "Müller". Müller, aha, vielversprechend. Diesmal öffnete mir eine alte Dame die Tür. Sie ging etwas gebeugt und roch nach meiner Oma. Die Wohnung war alt eingerichtet, aber das macht ja nichts, ich kann meinen Kram ja überall hinstellen, wenn Omi ausgezogen ist. Sie bat mir einen Tee an, ich nahm ihn gerne an. Wie es bei Omis nunmal so ist, hörte sie sehr schlecht und sprach sehr langsam, was für mich als Hektikerin nicht leicht zu ertragen ist. Da ignoriere ich auch gerne mal die Tatsache,dass die Dame sehr alt ist, am liebsten würde ich dann schreien: Nun rede doch mal schneller, verdammt! Aber ich riss mich zusammen. Frau Müller erzählte mir ihre halbe Lebensgeschichte im Schneckentempo. Dass ihr Mann im Krieg gefallen ist, dass sie 4 Töchter hat, 7 Enkelkinder und 2 Urenkel. Dass ihre älteste Tochter letztes Jahr an Krebs starb, an Lungenkrebs. Ok, Fehlinformation, dann strömen mir immer die >Hör auf zu Rauchen<-Gedanken in den Kopf. Ich lauschte ihr stumm, nur ab und zu nickend. Sie sprach darüber, dass sie vorhat in 1 Monat in ein Altenheim zu ziehen, da sie ja nun 89Jahre alt ist und nicht mehr wirklich alleine leben kann, zwar kommt morgens und abends der ambulante Dienst und mittags das Essen auf Rädern und sie hat eine Putze, aber dennoch möchte sie ihren Lebensabend lieber mit anderen älteren Menschen genießen, da sie ein sehr geselliger Mensch ist. Ich fand' ihre Geschichte zwar sehr interessant, musste mich trotzdem zusammenreißen nicht jeden Moment einzuschlafen, das lag aber allein an dem Tempo ihres Redens. Dann wollte ich ihr meine Unterlagen reichen, doch sie lächelte nur:"Katharina, sowas brauche ich nicht. Mir ist es egal, was du arbeitest oder wo du geboren bist, wie deine Eltern heißen oder ob du einen Abschluss hast oder nicht. Für mich zählt der erste Eindruck und ich finde, dass du ein sehr sympathisches, junges und vor allem hübsches Ding bist. Weißt du, ich habe damals auch auf einem Dorf gewohnt und kam mit keinerlei Erfahrungen in diese Stadt, ich weiß wie das ist. Außer, dass es bei mir 70 Jahre her ist!", lachte sie. Ich lachte mit. Sie bot mir an, mit dem eigentlichen Vermieter zu sprechen, da sie schon 70 Jahre in dieser Wohnung lebt, hat sie sozusagen das Recht mitzuentscheiden, wer der Nachfolger sein wird. Sie sagte mir, dass ich gute Chancen habe, denn sie mochte mich vom ersten Moment an. Als Dankeschön ließ ich es über mich ergehen noch mit ihr alte Fotoalben zu durchstöbern. Dann verabschiedete ich mich und ging nach draußen, um mir nach geschlagenen 2 1/2 Stunden und einem abgesabbelten Ohr endlich eine Zigarette anzuzünden. Oh, tat das gut. Ich spürte wie das Nikotin in mir aufblühte und mein Körper nach "MEHR" schrie. Da es schon spät geworden war, sagte ich den 3. Termin ab und fuhr nach Hause in mein Dorf.

Nun, dachte ich, war es auch an der Zeit meine Eltern und meinem großen Bruder von meinem Vorhaben zu berichten. Wir versammelten uns am Esstisch und meine Eltern starrten mich wie 2 Psychos an. Mein Bruder hingegen (man muss erwähnen, dass wir nur 1 Jahr auseinander sind und er ein totaler Vollhorst ist) war super desinteressiert und saß gewohnt lässig auf dem Stuhl mit einem Stöpsel seines Mp3-Players im Ohr, aus dem laute Hip Hop Musik dröhnte. In meinem Dorf gibt es 3 Arten von Jugendlichen: Die, die Hip Hop hören, die, die Techno hören und jene, die Schlager hören. "Was willst du uns denn nun so spannendes erzählen?", fragte mein Vater ruhig. Ich sah wie meine Mutter nervös mit dem Bein zitterte und ich wusste genau, was sie dachte, also fing ich erstmal an sie ruhigzustellen:"Nein, Mutter, ich bin nicht schwanger!" Sofort stoppte das Zittern und ein Lächeln machte sich breit. "Thomas,machst du die Musik mal bitte aus. Deine Schwester möchte uns etwas mitteilen!" Wortlos tat er was Papa ihm sagte, schaute dabei aber genervt drein. Thomas hasst es Thomas gegannt zu werden, er verflucht meine Eltern , dass sie ihm diesen Namen gaben. Ich finde es hat es so verdient, immerhin benimmt er sich wie ein hohles Arschloch, also ist diese Strafe immer noch die beste, denn diese hält ein Leben lang. Oh ja, wieder die Schadenfreude, die aus mir spricht. Er bevorzug es Tommy oder Tom genannt zu werden. Von seinen "coolen" Hip Hop Freunden allerdings eher MC Tom oder Mc-Tommy oder so'n Schwachsinn.

"Nun sag' schon....", drängelte meine Mutter. Ich schaute meine Eltern lange an, ihre Augen wurden immer größer und man konnte ihre Neugierde förmlich riechen. "Ich werde ausziehen... nach Hamburg!" Beide waren geschockt, Tom hingegen schien das nicht groß zu stören. Das Kiffen zerstört halt sein Gehirn und seine Emotionen verstecken sich hinter einer großen angebauten Hasch-Pflanze. "So...weit...weg?", fragte meine Mutter. "Mutti, das ist doch nicht weit. Wenn ich nach Bayern, Gott bewahre, ziehen würde, das wäre weit!" Man muss erwähnen, dass meine Mutter sehr nah am Wasser gebaut war und nun wieder Tränen hatte, die bereit waren loszuziehen in die weite Welt. Auch Papa kannte seine Ehefrau genau und legte vorsichtshalber tröstend seinen Arm um sie:"Ach, Erika, so weit ist das nun auch nicht. Eine Stunde mit dem Auto, das ist doch ok. Und außerdem war doch klar, dass Katharina irgendwann auszieht, sie hat nun das Alter erreicht..." "Aber gleich so weit weg? Ich dachte, wenn, dann zieht sie hier in eine Wohnung im Dorf. Außerdem dachte ich, Thomas würde vor ihr ausziehen!", unterbrach sie Papa und blickte böse zu meinem Bruder. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Mama und Papa sich sehnlichst wünschen, dass er auszieht, sie können es ehrlich gesagt kaum erwarten. Nach geraumer Zeit und der Geschichte meines heutigen Erlebnisses, fanden meine Eltern die Idee dann doch garnicht mehr so doof und versprachen mir, beim Renovieren und dem Umzug zu helfen. Das einzige was Tom an dem Abend zu sagen hatte, war:"Ey Yo, wenn Katha auszieht, kann ich doch auch ihr Zimmer haben, dann habe ich die gesamte Etage für mich und das wär cool, yo, denn dann kann Mandy doch auch hier einziehen und so, wisst ihr." Meine Eltern ignorierten diese vollkommen überflüssige Aussage erstmal vollständig.

Mandy, oh Mandy. Das ist Tom's absolut bratzige Freundin. Sie sind seit 2 Monaten zusammen und meinen es sei für immer. Er ist 23 Jahre alt und hat überhaupt keine Ahnung vom Leben, genauso wenig wie seine Mandy. Sie war, bevor sie mit ihm anbandelte, die Dorfmatratze. Nun bin ich es, ungewollt, aber sie war es ohne Gerüchte. Sie hausierte damit. Sie brüstete sich mit jeglichen Erfahrungen, die sie im Dorf machte. Sexuelle Erfahrungen wohlbemerkt. Würde man fast jeden Bauer-Sohn, fragen von wem sie entjungfert wurden, würde jeder dieser armen Würstchen "Mandy" sagen. Sie ist eine aufgebrezelte, Hip Hop Hure, die ihren Sonderschulabschluss gerade so geschafft hat und lisbelt. Und nun hat sie Tom an der Angel. Er hat angebissen und lässt auch nicht mehr los. Vor seinen lächerlichen Freunden ist er der Held, er spricht mit Mandy, als wäre sie ein Stück Fleisch. So wie:"Ey Yo Weib, hol' mir 'n Bier!" Und Mandy tut es, sie tut alles, was Männer von ihr verlangen, auch wenn es ist, dass diese gerne angekackt werden wollen, dann würde sie so viele Weintrauben, Trockenpflaumen und Kohl essen, bis der Darm platzt. Tom fängt auch gewöhnlicherweise jeden Satz mit >Ey Yo< an, dass ist halt so ein seiner Sprache, sagt er. So ein Penner.

Nebenbei versuchte ich noch irgendwie meine Arbeitszeit rumzukriegen, immer mit dem Wissen, dass es ja nicht mehr lange sei. Nur das hält mich dort noch am Leben. Weiterhin beobachteten mich die Chefs, von allen Kollegen wurde ich schief angeguckt und der Chubakka-Hobbit testete noch immer meine Nerven aus. Wenn Blicke töten könnten, hätte ich ihn langsam aufgeschlitzt, ihm die Eingeweide entfernt und dann zerkleinert. Aber leider können Blicke (noch) nicht töten. Nach der Arbeit machte ich auf Jobsuche. Und die strenge Stockmann hatte Recht, es war wirklich verdammt schwer einen Job in Hamburg zu finden. Die meisten schickten meine Bewerbungen zurück ohne mich überhaupt kennengelernt zu haben. Andere schickten erst garnichts zurück, aber 2 Vorstellungsgespräche hatte ich dann doch. Ich machte mich also mal wieder auf den Weg in die schönste Stadt der Welt und brauchte auch nicht lange, bis ich bei der ersten Stelle angekommen war. Ich wurde von einem Mitarbeiter gleich aufgegriffen, schöner Mann war das. Auf seinem Schild stand: Pfleger Collin. "Kann ich helfen?", fragte er freundlich. "Ähm ja, ich habe um 15:00 ein Gespräch bei Herrn Ziegler!" "Dann brauche ich dir ja garnicht helfen, denn du stehst ja schon vor seinem Büro!", sagte Pfleger Collin lächelnd. Ich erwiederte das Lächeln. "Einfach klopfen, normalerweise schreit der Chef dann schon, was jetzt Sache ist. So wie >Herrein< oder >Moment< oder so." Ich lächelte weiterhin. Mir fiel sofort das riesige Tattoo an seinem Unterarm auf, anscheinend starrte ich ziemlich auffällig dorthin. "Das geht noch weiter...", sagte er und zog den Ärmel seines Kittels hoch. Ich machte ein beeindrucktes Gesicht. "Das geht noch weiter, aber dazu müsste ich den Kittel ausziehen.", er zwinkerte. "Na, wir wollen ja keine Anzeige, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses riskieren.", witzelte ich. "Ich bin Collin!", sagte er dann und streckte mir seine Hand entgegen. Ich nahm sein Angebot, die Hand zu schütteln an und fragte:"Collin, so wie Farell?" Er guckte etwas irritiert. "Naja, Collin Farell, der Schauspieler... kennst du den etwa nicht?" "Achso, doch!", sagte er und drehte sich leicht weg um sich dann wieder zu mir zu drehen. "Ich bin Katharina", sagte ich dann. Pfleger Collin fragte mich noch, was ich hier wollte. Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben nach Hamburg zu ziehen und dass ich nun auf der Suche nach Arbeit bin. Er hörte mir interessiert zu. "Ich halte dich von der Arbeit ab, oder nicht?", fragte ich gespielt besorgt. "Quatsch, nur von meiner Pause.", grinste er. Ich entließ ihn kurze Zeit später aber doch in seinen Pausenrest und beschloss nun endlich an die Tür zu klopfen. Es war 15:01 .. ok .. 1 Minute zu spät, wenn der Chef kein Arschloch ist, toleriert er diese Minute.

"Ja, bitte?", rief eine Männerstimme. Ich öffnete vorsichtig die Tür. Herr Ziegler war ziemlich alt, er sah aus, als würde er schon selber dort leben. Vielleicht war es ja ein Demenzkranker, der sich nur als Herr Ziegler ausgab, während dieser sein großes Geschäft machte. Aber ich merkte, wie ich wieder mit meinen Gedanken abschwiff. Er schüttelte meine Hand und bot mir einen Platz vor seinem Schreibtisch an. Wir blieben nicht lange alleine, nach 5-Minütigem "Wie sind Sie hergekommen und wie ist das Wetter draußen"-Geplänkel ging die Tür auf und 2 Frauen betraten den Raum. Ich stand auf, Herr Ziegler auch. Er stellte mir beide vor:"Frau Moritz, das ist Frau Ülay, unsere Pflegedienstleitung und das andere ist Frau Tappert, unsere Wohnbereichsleitung im Bereich 3." Ich gab beiden die Hand. Frau Ülay war Türkin, das sah mal sofort. Aber nicht eine von denen, die mit Kopftuch rumliefen, sondern eine modern gekleidete Frau mittleren Alters. Frau Tappert hatte einen Kittel an, blau/weiß und blonde, lockige, schulterlange Haare. Wir redeten etwas über mich und dann über das Haus. Frau Ülay erzählte mir, dass Altenpfleger Mangelwahre wären und sie sich freuen, dass ich mich dort beworben habe. Herr Ziegler zog seine Schublade auf und holte einen dicken Packen Papier heraus , der zusammengetackert war. Er legte ihn vor mich hin und belegte ihn vorsichtig mit einem Kugelschreiber. "Frau Moritz, wir würden uns sehr freuen, wenn Sie Mitglied unseres Teams werden würden." Er nickte mir zu. Dann schaute ich rüber zu den beiden Frauen, auch diese nickten. Ich griff nach dem Kuli, überflog schnell den Arbeitsvertrag (den soll man eigentlich genau lesen, ich weiß) und staunte nicht schlecht, als ich das Gehalt sah. Ich ließ mir natürlich nichts anmerken, aber als ich diese wunderbare Zahl las, wurde mir ganz anders, aber vor Glück. 2400€ brutto. Vorher : 1500€ brutto. Das bedeutet fast 1000€ brutto mehr. Das ist ja der Wahnsinn. Wie eine Crackjunkie unterschrieb ich , fast sabbernd, den neuen Vertrag und hätte mir vor Aufregung fast in die Hose gepischt. Wir verabschiedeten und freundlich und wünschten uns alle eine gute Zusammenarbeit. Dann schloss ich die Tür hinter mir, ging leise und langsam die Drehtür raus ins Freie und schmiss meine Arme in den Himmel und tanzte wie eine Bekloppte auf dem Gehweg. Ich sang laut: Oh Happy Day und freute mich des Lebens. Als mich eine Männerstimme aus der Euphorie riss. "Anscheinend hast du den Job bekommen, Glückwunsch!" Ich schrickte zusammen und drehte mich langsam um. Pfleger Collin lehnte lässig an der Hauswand und rauchte eine Zigarette. "Auch eine?", fragte er. Ich nickte etwas beschämt und griff in seine Schachtel. Er rauchte Marlboro. Naja, bei dem Gehalt kein Wunder. Ich drehte. Es schmeckte scheiße und bei meinem Gehalt kein Wunder. Aber die Zeiten sollten sich nun ändern. Von dem neuen Gehalt kann ich mir auch endlich richtige Zigaretten leisten. "Das freut mich aber für dich, dass du bei uns arbeitest. Welcher Bereich?" Er zog cool an seiner Kippe. "3!" "3. Sehr schön, da arbeite ich auch. Ist lässig dort. Die Kollegen sind alle nett und die Arbeit ist easy!" Ich lächelte und wusste nicht recht, wie ich auf die Offenheit von Collin Farell reagieren sollte. Er versuchte weiter das Gespräch zu führen:"Guck mal und einen Kollegen kennst du ja nun auch schon!" "Das stimmt,so einen hübschen auch noch...", rutschte es aus mir raus und innerlich hätte ich mich erwürgen können. Pfleger Collin lächelte und schaute auf den Boden, dann schaute er mich von unten herauf an:"Dankeschön dafür!" Nachdem wir zuende geraucht hatten, musste Collin wieder an die Arbeit und ich musste nach Hause, immerhin hatte ich heute Nachtschicht und wollte vorher noch ein Stündchen schlafen.

Die Nachtschicht verging garnicht. Ehrlich gesagt hasse ich es, weil man nicht so viel zu tun hat. Keine Hektik, das mag ich nicht. Ich brauche Hektik. Um 07:00 fiel ich völlig übermüdet ins Bett, wurde allerdings um 10:00 wieder wachgeklingelt. Mein Handy, das überflüssigerweise, genau neben meinem Bett lag und auf die höchste Lautstärkenstufe gestellt war, klingelte. "Candyshop" von 50cent dröhnte in mein empfindliches Ohr. (Ich weiß, ich habe seit Jahren meinen Klingelton nicht mehr geändert und damals war das mein absoluter Lieblingshit) Ich ging ran und quälte ein leises "Ja?" aus mir heraus. "Katharina? Hier ist Frau Müller. Ich rufe wegen der Wohnung an!" (Eigentlich klang es so: Ich ....... rufe ....... wegen ....... der ....... Wohnung ...... an). Schlagartig wurde ich wach und drückte innerlich die Daumen. "Also, ich habe mit der Vermieterin gesprochen und sie sagt es steht dem Bezug meiner Wohnung nichts im Wege!" Ich hätte schreien können, wollte das aber der alten Dame nicht antun. "Das ist ja super!", äußerte ich freudig. Dann wollte sie mir wieder irgendwas von ihrer Arthrose erzählen,aber ich schaffte es sie abzuwimmeln, indem ich ihr erzählte, dass ich ja Nachtschicht hatte und schlafen müsse. Sie verstand es. Nachdem wir aufgelegt hatten, stürmte ich, weil meine Eltern nicht da waren und Tom arbeitslos war, in sein Zimmer und wollte schreien, wie glücklich ich bin und dass er mich bald los sei und dass ich ja so viel Glück habe, doch soweit kam es nicht,denn ich war dabei Mandy und Tom beim Liebesakt zu unterbrechen. Er schrie nur:"Tür zu", das tat ich denn auch, das wollte ich meinem leeren Magen wirklich nicht antun. Also beschloss ich Nele anzurufen, die konnte mir aber kaum zuhören bzw. sich mit mir freuen, weil ihr Kind seit Stunden schrie, die ganze Nacht nicht schlief, sie deshalb auch nicht. Nun gut, das hat man davon, wenn man Freundschaften nicht genug pflegt, man hat niemanden, mit dem man sein Glück teilen konnte. Ich saß nun also vor meiner Müslischüssel und freute mich in mich hinein, war zwar nicht so schön, wie , wenn andere sich mitfreuen, aber immerhin. Ich ignorierte meine Müdikeit, stieg in mein Auto und besorgte Kartons vom Supermarkt und begann mit dem Packen.

Es ist merkwürdig, was man plötzlich in den hintersten Ecken für Sachen findet. Oh, ein altes Schulbild, oh ein Brief meines Ex-Freundes, oh ein benutztes Kondom.. oh, ih! Das liegt da sicherlich schon so lange, dass die Spermien Beine bekommen haben und weggelaufen sind. Schnell in den Müll damit. Ich fing an in Erinnerungen zu schwelgen. Ich hatte eine unbeschwerte Kindheit. Viele Freunde, im Sommer spielte man draußen, auf den Feldern oder in den Gärten der Spielgefährten. Man baute sich Höhlen oder spielte Flaschendrehen. Mit 9 sah ich den ersten nackten Penis meines Lebens (abgesehen von dem von Tom). Der Typ zu dem Penis hieß Paul. Das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen. Meine Freundinnen und ich riefen laut: IHHHHH! Und ihm war es peinlich und sein Dingdong wurde noch kleiner, als er eh schon war. Meinen ersten Kuss bekam ich mit 13. Von Fabian. Fabian war ein kleiner Schönling. Alle Mädchen fanden ihn süß und auch alle hatten ihren ersten Kuss mit ihm. Also war es nichts Besonderes mehr. Die Schulzeit im Allgemeinen war ok. Nicht berauschend, aber auch nicht komplett scheiße. Ich war schlecht in der Schule, aber die Freizeit war geil. Viel Party, viel Alkohol, viele Jungs. Aber nichts lief über Küssen hinaus, vielleicht gab es mal einen Blowjob, wenn der Typ brav war, aber definitv keinen Geschlechtsverkehr.

 

 

 

 

 

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